Der Wald atmet Vögel, ein und aus


Im kalten Wind schüttelt der Herbst sein buntes Blätterkleid ab. Zarter Nieselregen landet auf unseren Schultern und kräuselt unsere Locken. Mit Regenstiefeln hüpft unser Sohn in jede Pfütze, die ihm unterkommt. Dabei trällert er vergnügt das Lied „Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da“. Zuhause angekommen, summt er sich bald in den Mittagschlaf. Darauf nutze ich die kurze Zeit um auf der gemütlichsten Couch der Welt endlich mal wieder ein paar Seiten zu lesen. Auf der Suche nach einer soliden Baumhauslektüre stieß ich kürzlich auf Autor und Farmer John Lewis-Stempel. Sein neuestes Buch „Im Wald. Mein Jahr im Cockshutt Wood“, erschien 2020 im DuMont Verlag. Von The Times wird er als Englands bester Natur-Autor gefeiert, das klingt schonmal vielversprechend. 

 

Bewaffnet mit einer dickflüssigen, heißen Schokolade, einem kuschligen Wollpulli und einer furchtbar flauschigen Decke verwurzele ich mich auf dem Sofa. Durch die ersten Seiten betrete ich den Wald von Cockshutt Wood. Dort begegne ich in Begleitung des Autors Teichhühnern, erspähe aus den Augenwinkeln eine Füchsin und durchwandere den wohlduftenden Fichtenhain. Je tiefer ich in das Wäldchen vordringe, desto mehr bestätigt sich, dass The Times mit seiner Zuschreibung keineswegs übertreibt. „Die Waldschnepfen kommen zurück. Der Wald atmet Vögel, ein und aus“ ist nur eine von vielen bildhaften Beschreibungen, die sofort ein Kopfkino in mir auslösen.

 

Fein dosiert wechseln sich im Laufe des Jahres humorvolle Beobachtungen, Informatives und Historisches über Cockshutt Wood, erlesene Lyrik, originelle Metaphern und genaue Naturbeschreibungen ab. Diese klingen höchst poetisch, aber kommen nie kitschig oder beschönigend daher. So nennt er etwa aus dem Boden schießende Pilze eine „verrottende Science-Fiction-Stadt“. Neben ihm „durchstöbert ein einsamer Baumläufer die Rinde einer Erle wie eine Putzkraft, die nach dem Konzert unter den Bankreihen nach Abfällen sucht“. Wenig später vergleicht er „fressende Schweine in der Kälte“ mit einem „Dampfmaschinenteam, regelmäßig wie Zylinderkolben“. Und ich fühle mich, als stünde ich direkt neben dem Autor.

 

Vier Jahre lang pachtete und bewirtschaftete Lewis-Stempel mit natürlichen Methoden den Wald. Dort hielt er Schweine, Kühe und Schafe frei im Gehölz (auch „Waldhutung“ genannt, einst ein wichtiger Brauch). Während ausgedehnten Spaziergängen studierte er Flora und Fauna, ging auf die Jagd und kümmerte sich nach altbewährten und schonenden Methoden um den Wirtschaftswald. John genießt den Wald ebenso wie er sich in ihm abplagt und schuftet. Vieles weiß er über sein Stück Land, kennt dessen Geschichte, die bis zu Wilhelm dem Eroberer zurückreicht. John verrät, wie man das Alter von Bäumen einschätzen kann ohne sie zu fällen und gibt das ein oder andere Rezept preis. Er kennt die Heilkraft von Efeu, Ilex und Holunder. Bäume vergleicht er mit Musikinstrumenten und beschreibt, wie diese im Wind unterschiedlich klingen. So unglaublich vielseitig liest sich dieses Buch, so poetisch und höchst informativ auf vielen verschiedenen Ebenen und dabei in sich so ausgeglichen. Als ob sich die ausgleichende Wirkung des Waldes auf den Autor übertragen hätte.

 

Nach ein paar Seiten fühle ich mich schon fast so erholt wie von einem echten Waldspaziergang. Dieses Tagebuch ist tatsächlich eine geeignete Lektüre fürs Baumhaus und eine gelungene Anregung, sich sofort selbst (!) in den Wald zu begeben um eigene Beobachtungen anzustellen.

 

Fotos von Baumhausblog

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