Taylor Camp – „The Edge of Paradise“


Vollmondparties, meterhohe Wellen, die unter den Baumhäusern hindurchpeitschen und wildes Bongo Spielen nach Mitternacht – so zeigte sich das Taylor Camp auf der hawaiianischen Insel Kauai – die ultimative Hippiefantasie. Von der fesselnden Geschichte dieser einzigartigen Gemeinschaft erzählt John Wehrheims eindrucksvoller Dokumentarfilm „The Edge of Paradise – Taylor Camp“. Dieser ist seit kurzem nun auch Online für die Weltöffentlichkeit verfügbar. Neben seiner authentischen fotografischen Dokumentation kommen sowohl ehemalige Bewohner des Camps als auch involvierte Einheimische zu Wort und legen aus persönlicher Perspektive die Vielschichtigkeit der Baumhausgemeinschaft offen. 

Aus Asche erblühen Träume

Der Traum vom freien Leben begann zunächst mit einer Tragödie. Unter dem Einsatz von Napalm-Bomben und Pestiziden fand in Vietnam 1968 das bekannte Massaker in My Lai (einer Stadt in Südvietnam) statt, das die Leben vieler unschuldiger Zivilisten forderte. Erst 14 Monate später erfuhr die Öffentlichkeit von dem Verbrechen. Die Veröffentlichung dieses Grauens trug wesentlich zur Formierung der Antikriegsbewegung bei. Genau in dieser Zeit wurden dreizehn Hippies in Hawaii verhaftet. Der Grund? Anscheinend wagten diese ohne Geld am Strand zu leben, das genügte bereits für einen Haftbefehl. Daraufhin wurde die Gruppe zu 90 Tagen harter Arbeit im Gefängnis verurteilt. Unter ihnen befanden sich auch Frauen und Kinder. Howard Taylor, Elizabeths Taylors Bruder, bekam Wind von dem Vorfall und war entsetzt. Sofort setzte er sich mit dem zuständigen Richter in Verbindung, verhandelte mit diesem und bekam die Hippies durch eine Kaution frei. Gänzlich ohne Regelungen und Restriktionen ließ er sie auf seinem paradiesischem Grundstück mit Meerzugang am Ende der Straße von Kauai wohnen. „Just go for it“, gab er ihnen mit auf den Weg.

„Die besten Tage unseres Lebens“

So entstand mit dem Taylor Camp eine der größten Hippie Gemeinschaften, mit bis zu 300 Bewohnern zu Spitzenzeiten. Das Taylor Camp zog Leute aus aller Welt und unterschiedlichster Religionen an. Da das Bauen auf dem Grund nicht erlaubt war, entstand an diesem idyllischem Ort ein improvisiertes Baumhausdorf. Dieses inkludierte eine konfessionsübergreifenden Kirche, zentrale Gemeinschaftstoiletten, Duschen und einen Gemeinschaftsgarten, in dem nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Marihuana angebaut wurde. Regeln gab es dort keine, sich zu bekleiden war optional (doch wegen der Mücken durchaus sinnvoll) und Drogen wurden unter den Bewohnern großzügig verteilt. Für viele waren diese anarchischen Umstände ideal, um sich zu entfalten und an sich selbst zu wachsen. Wie in anderen Gemeinschaften gab es auch in diesem gesellschaftlichem Experiment eine große Vielfalt an Lebensentwürfen. Neben sexueller Freiheit gab es feste Partnerschaften und es entstanden genauso wohlsituierte Wohnviertel am Strand bis zu slumartigen Unterkünften im Hinterland.

Kein Paradies ohne Schlange 

Anderen Mitgliedern der Gemeinschaft stieg die Freiheit allerdings zu Kopf. Sie kamen im Camp in der Hoffnung an, ein Ort allein könne sie heilen, ohne jedoch an sich selbst zu arbeiten. Vielmehr liefen sie vor sich selbst weg und erhofften sich, in der Gemeinschaft von ihrem Leid erlöst zu werden. Dass dem nicht so war, zeigte sich zum Teil nicht zuletzt in sexuellem Missbrauch, Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch – Dinge, die es allerdings zu jeder Zeit in jeder anderen Gemeinschaft auch gab und wohl immer geben wird.

Ein Ort geht unter, der Traum lebt weiter

Nach längeren Verhandlungen kaufte die Regierung 1974 schlussendlich das Grundstück von Howard Taylor. Im Jahre 1977 wurden die Hippies aus ihrem Paradies vertrieben, das Gelände wurde vollständig geräumt, die Baumhäuser mit Bulldozern herzlos abgerissen. Das Experiment endete in Flammen, alle Häuser wurden verbrannt.

 

Wehrheim zeigt mit seinem Film ein lebhaftes Stück Zeitgeschichte ohne Sentimentalität, wunderschön produziert und untermalt mit Songs der Woodstock Generation. Wer sich in Zeiten von Corona eine Zeitreise auf der Couch gönnen möchte, der findet mit dieser Doku eine bereichernde Möglichkeit dazu. Wir haben die Doku gesehen und können sie euch nur wärmstens empfehlen.

 

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Fotos mit freundlicher Genehmigung von John Wehrheim

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